International College for Research on Equine Osteopathy

 


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Peter MICHEL:

Anatomie und Funktion der Faszien beim Pferd und Hund

 

Zielsetzung

Faszien werden in der Veterinäranatomie als einzelne Teile des Bewegungsapparates mit der Muskulatur abgehandelt ohne ihre zusammenhängende Struktur darzustellen. Ihre klinische Bedeutung ist gering. Humanosteopathen betrachten die Faszien als anatomisch-funktionelle-Einheit mit grosser klinischer Bedeutung. Die Thesis versucht, diese Betrachtungsweise auf Pferde und Hunde zu übertragen. Das Schwergewicht liegt weniger auf einzelnen Faszien als darauf, sie als Netzwerk im Körper zu verstehen und deren topografisches Verhalten zu Knochen, Muskeln, Viszera und den Leitungsbahnen zu zeigen

Was sind Faszien?

Man findet keine einheitliche Definition in den Anatomiebüchern und es ist nicht klar, welche Strukturen als Faszien bezeichnet werden. In der „Nomina Anatomica“ (1955 Paris/1960 New York) wird nur der allgemeine Begriff „Fascia“ angegeben. Nach Nickel/Schummer, Seiferle sind Faszien straffe Bindegewebshäute von wechselnder Dicke und Festigkeit und mit relativ wenig Gefässen und Nerven. Barone bezeichnet sie als fibröse Membranen, die einzelne Muskelgruppen umgeben. Cunningham (1909) und Zuckermann (1961) verstehen unter der Fascia superficialis das Bindegewebsgerüst des subkutanen Fettgewebes. In der letzten Edition von Gray`s anatomy wird Faszie so umschrieben: „Fascia is a term applied to masses of connective tissues large enough to be visible to the unaided eye. It`s structure is highly variable, but in general collagen fibres in fascia trend to be interwoven and seldom show the compact parallel orientation seen in tendons and aponeurosis………. It constitutes the loose packing of connective tissue, peripheral nerves, blood vessels as they pass between other structures and often links them together as neurovascular bundles”. Mein Professor für Anatomie, Dr. Rudolf von Hochstetter, nannte die Aponeurosen “fascial planes”. Er zählte sie auch zu den Faszien. Die meisten Autoren beschränken den Begriff Faszie auf den Bewegungsapparat, auch was deren Behandlung betrifft (Rolfing, Myofascial Release, Triggerpunktmassage etc.). Der Humanosteopath S. Paoletti schliesst Membranen, Aponeurosen, Sehnen, Ligamente, die Meninges und Mesos in den Faszienbegriff ein.

 

Zusammenfassung

Für unsere Arbeit als Osteopath ist es sinnvoll, Faszien nicht nur als Struktur zu begreifen, die wir mit den Händen tasten können (was nur bei wenigen oberflächlichen möglich ist), sondern als Teil der funktionellen Einheit Organismus zu verstehen. Forschungen in Histologie und Biochemie zeigen, dass wir das Bindegewebe als einheitliches Gebilde mit ähnlichen biomechanischen Eigenschaften betrachten können. Es umhüllt alle spezifischen parenchymatösen Zellen und ist somit ein alles durchdringendes Gewebe. Faszien sind keine sog. passive Strukturen. Sie werden ortho-sympathisch innerviert und man findet in ihnen glatte Muskelzellen. Sie können ihre Viskosität ändern und den aktuellen mechanischen Anforderungen anpassen. Vertikale und horizontale „ fascial pathways“ verbinden sich zu einem Netzwerk, das durch den ganzen Körper geht. Wir haben gelernt, dass ein Muskel zwischen seinen Sehnen liegt, jetzt wissen wir, dass die Sehnen durch den Muskel verlaufen und ihn durchdringen. Spannungen, Adhäsionen, Oedeme und Verhärtungen können sich über die fascial pathways im Körper ausbreiten und in einer entfernten Region zu Störungen und Symptomen führen. Die Anatomie der menschlichen Faszien ist besser erforscht als die beim Tier. Vieles vom Menschen abgeleitete wird sicher beim Tier im Detail nicht richtig sein. Auch die klinische Bedeutung der einzelnen Faszien ist bei Mensch, Hund und Pferd verschieden. Diese Arbeit soll nun doch einen Überblick über das System Faszien, mit seiner Anatomie und seinen Funktionen beim Tier ermöglichen.

 

Konsequenzen für die Behandlung

Traumen sind die häufigsten Ursachen für fasziale Dysfunktion. Dabei kann es sich um einmalige grössere Krafteinwirkungen handeln oder um immer wiederkehrende Belastungen, die irgendeinmal vom System nicht mehr kompensiert werden können. Das Gewebe „speichert“ solche Einwirkungen im oberen physiologischen Bereich, der berühmte Tropfen bringt dann das Fass zum überlaufen, respektive das Fasziensystem aus der Balance. Jede Verletzung bewirkt Veränderungen im Gewebe (Oedembildung, Verhärtung). Dies erhöht die Empfindlichkeit der Faszien und des Bindegewebes und bewirkt eine Funktionsstörung des Bindegewebes. Dies wiederum führt zu Irritationen in den entsprechenden Segmenten und Organen. Die Gewebsveränderungen treten sofort oder nach Tagen auf. Eine frühzeitige Behandlung begrenzt das Ausmass der Verletzung und beschleunigt die Heilung. Vom Bindegewebe gehen negative Afferenzen zum Orthosympathikus und zu den Nocireceptoren. Als Folge des erhöhten Tonus des Orthosympathikus sehen wir eine verminderte Blutzufuhr und geringere sekretorische Aktivitäten, Spasmen von Sphinktern und schliesslich Funktionsstörungen in den betroffenen Organen.

Die osteopathische Behandlung hat zum Ziel, die Faszienspannungen und die Dysbalance zwischen Ortho- und Parasympathikus zu korrigieren und auszugleichen. Damit erreichen wir, dass sich die Hämodynamik normalisiert, Stoffwechselprodukte abtransportiert und ausgeschieden werden. Die Behandlung von Faszien ist ein Teil im Puzzle der strukturellen, viszeralen und kraniosakralen Techniken, wobei der osteopathische Denkansatz zum Finden der osteopathischen Läsion entscheidend für einen anhaltenden Erfolg einer Behandlung ist. Ein rein struktureller Behandlungsansatz wie z. B. Manualtherapie, myofasziale Techniken oder Triggerpunktmassage, kann nur eine begrenzte Wirkung auf dieses Netzwerk haben oder das Problem in andere Regionen des Körpers verlagern. Bei der Mobilisation des Nervensystems (Elvey, Butler) passiert wahrscheinlich mehr auf faszialer Ebene als im neuralen Gewebe selber. Auch diese Techniken erfassen und lösen nur einen Teil des Problems.

 

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